Blog




Aug 19


Mit Koffern und Taschen kommen die Patienten an ihrem ersten Tag in unserer Fachklinik für Suchterkrankungen an. Sie alle bringen auch viel seelisches Gepäck mit. Selbst, wenn es zuerst nicht sichtbar wird – durch die langjährige Arbeit in der Neuen Rhön wissen wir: Das Päckchen ist bei einigen Menschen sehr viel größer als alle Koffer und Taschen zusammen. Diese Patienten leiden unter einer Depression, die ganz eng mit ihrer Sucht verknüpft ist.


„Oft ist die Depression schon länger da als die Suchterkrankung. Mitunter hat sie die Sucht sogar erst ausgelöst", beschreibt unsere Psychologin Kira Klüber den fatalen Zusammenhang. „Die Erkrankten haben im Laufe der Zeit gemerkt, dass sie die Symptome ihrer Depression mit einem Suchtmittel bekämpfen können. Dieser Behandlungsversuch kann aber auf Dauer nicht gelingen. Eine Depression heilt nämlich nicht einfach so." Deshalb wäre es natürlich am besten, wenn die schwere Erkrankung frühzeitig behandelt werden kann. Gelingt das nicht, gibt es dafür mehrere Gründe.


Das Thema ist ein Tabu, obwohl wenigstens jeder zehnte Mensch im Laufe seines Lebens einmal an einer Depression erkrankt. Und so ist es für die Betroffenen nicht leicht, die Erkrankung zu erkennen und sich die Depression einzugestehen. Im nächsten Schritt braucht es dann Mut und vor allem genug Energie, um nach Hilfe zu suchen – vielen Patienten fehlt krankheitsbedingt jedoch der entscheidende Antrieb. Sie sind dann auf die Unterstützung und Initiative von Angehörigen oder Freunden angewiesen. Und schließlich brauchen sie auch noch eine Menge Geduld, weil die Wartelisten bei Psychotherapeuten bekanntermaßen lang sind. Hier rät Kira Klüber zu niederschwelligen Alternativen: „Größere Krankenhäuser haben in Ihrer Psychiatrie eine Ambulanz, die feste Notfallsprechstunden und Kriseninterventionen anbietet."


Auch die Hausärzte können entsprechende Überweisungen veranlassen oder versuchen, ihre Patienten in der Krise aufzufangen und zu begleiten. „Depression ist eine lebensbedrohliche Krankheit", macht unsere Psychologin klar. „Als psychische Erkrankung ist sie aber nicht so einfach nachzuweisen, wie andere Erkrankungen. Ein Arzt muss deshalb zunächst organische Ursachen ausschließen, bevor er eine Depression diagnostizieren kann". Danach wird der Patient mit einer Kombination von Medikamenten und einer Psychotherapie behandelt. Dafür braucht es einen guten Arzt, der die richtigen Schlüsse zieht und eine wohlüberlegte Therapie initiiert.


Die depressiven Patienten bei uns in der Neuen Rhön haben nicht nur sehr individuelle Vorgeschichten, sondern auch einen ganz unterschiedlichen Behandlungsstatus: „Manche haben nur ganz moderate Behandlungsversuche gemacht und teilweise wieder abgebrochen. Andere hatten Pech mit ihrem Arzt und fangen bei uns bei Null an", erzählt Kira Klüber. „Andere hatten bereits eine Medikamentenverordnung, die aber unterbrochen wurde oder durch die verheerende Kombination mit den Suchtmitteln nicht wirksam werden konnte." Und natürlich gibt es auch suchtkranke Menschen, die regelmäßig ein Antidepressivum nehmen und damit ganz gut klar kommen.


Ebenso individuell sind unsere Therapiewege. Kira Klüber: „Wir prüfen die Medikation, können aber auch erstmals ein Antidepressivum einführen oder gut eingestellten Patienten auch einfach nur mit Einzel- und Gruppentherapie die Behandlung unterstützen." Die Therapeuten treffen die Patienten zu Einzeltherapiesitzungen, zusätzlich gibt es aber auch die regelmäßigen Gruppentherapie-Treffen und eine Indikationsgruppe zum Thema Depression. „Ganz egal, ob die Depression durch ein traumatisches Erlebnis ausgelöst wurde oder aus heiterem Himmel kam: Die Kombination aus Medikament und Psychotherapie bringt für fast alle eine Besserung", weiß Kira Klüber aus den Abschlussgesprächen mit den Patienten.

Dabei geht es uns in der Neuen Rhön immer darum, dass die Frauen und Männer etwas über ihre Krankheit lernen, damit sie Rückfällen vorbeugen können oder bei drohenden Rückfällen richtig reagieren können. Um das zu schaffen, setzen unsere Experten nicht nur auf umfassende Informationen rund um die Erkrankung, sondern bringen die Patienten in Bewegung. „Angenehme Aktivitäten sorgen ganz automatisch für gute Stimmung. Das klingt jetzt ein wenig banal, ist allerdings ein starkes Werkzeug, das zuvor jedoch zu wenig eingesetzt wurde", betont Kira Klüber.


Ein anderes wichtiges Hilfsmittel bezeichnen die Spezialisten als „Kognitive Umstrukturierung", was ein wenig nach Gehirnwäsche klingt. Im positiven Sinne ist es das auch: „Unsere Suchterkrankten beschäftigen sich mit ihrem eigenen Denken. Sie analysieren dabei ihre individuellen Denkmuster und entwickeln dafür ganz eigene Alternativen". Denn oft genug beherrschen negative Gedanken den Alltag depressiver Menschen.


Unsere Psychologin nennt hierzu ein Beispiel: „Ein häufiger negativer Gedanke lauten: Nie gelingt mir etwas! Die Patienten lernen, diese Aussage zu überprüfen. Auf den Wahrheitsgehalt, aber auch, inwieweit diese Einstellung dabei hilft, ein Ziel zu erreichen. Der Gedanke wird als destruktiv entlarvt." Anschließend wird ein neuer Gedanke formuliert: Manches ist mir bisher gelungen, manches nicht. Wie es diesmal wird, weiß ich nicht, aber ich mache mich an die Aufgabe. Ich kann in jedem Fall etwas dabei lernen.

Die 12 bis 16 Wochen in unserer Fachklinik für Suchterkrankungen sind ein guter zeitlicher Rahmen für Abhängige, um wichtige Weichen für die Zukunft zu stellen. Je erfolgreicher die Suchtursachen analysiert und bearbeitet wurden, desto größer sind die Chancen auf ein Leben ohne Suchtmittel. Und wenn unsere Patienten am Ende ihres Aufenthaltes ihre Sachen packen, passt das Päckchen Depression mitunter sogar in den Koffer mit hinein. Das ist ein guter Anfang!


 




Ihr Name*

eMail Adresse*

Kommentare*
You may use these HTML tags:<p> <u> <i> <b> <strong> <del> <code> <hr> <em> <ul> <li> <ol> <span> <div>

Bestätigungscode*
 
Kommentar Hinweis