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Sep 19


 
Eine Therapie erfolgreich zu beenden ist ein Meilenstein. Aber zurück im Alltag warten Herausforderungen auf die Patienten – denn Rückfälle sind nie ausgeschlossen. In unserer Fachklinik für Suchterkrankungen bereiten wir die Patienten mit unserer Indikationsgruppe „Rückfall" gezielt auf die Zeit nach ihrer Therapie vor und fördern einen bewussten Umgang mit der Thematik, um Angst und Vorurteilen zu entgehen und Rückfällen vorzubeugen. Wichtig dabei: Aus Fehlern kann man lernen.

Rückfälle sind leider keine Seltenheit: Im Durchschnitt wird ein Drittel aller Suchtpatienten im ersten halben Jahr nach einer stationären Therapie rückfällig – in den ersten vier Jahren sogar die Hälfte. Nach einer reinen Entgiftung, also der reinen Behandlung der körperlichen Abhängigkeit ohne anschließende Therapie, sind es sogar drei Viertel aller Patienten. Die Zahlen schrecken ab. Sie zeigen aber auch: Ein Rückfall ist Teil der Sucht. Trotzdem wird mit dem Thema oft stiefmütterlich umgegangen. In der Neuen Rhön finden wir es deshalb besonders wichtig, ein Bewusstsein für die Hintergründe eines Rückfalls zu schaffen und Patienten noch während ihrer Therapie über die Vorbeugung und den richtigen Umgang mit einem Rückfall aufzuklären.

Zunächst einmal ist es wichtig, zwischen verschiedenen Arten von Rückfällen zu unterscheiden: Umgangssprachlich ist oft von Ausrutschern die Rede, so bezeichnen manche auch fachlich den einmaligen Konsum von Alkohol oder Drogen mit anschließender sofortiger Rückkehr zur Abstinenz. Wird der Patient zeitweise rückfällig und schafft es, danach wieder abstinent zu werden, sprechen wir von einem episodischen Rückfall. Unter einem langfristigen Rückfall verstehen wir die Rückkehr in alte Verhaltensmuster aus der Zeit der Sucht über einen langen, andauernden Zeitraum. Übrigens sind Rückfälle nicht immer mit einem Konsum verbunden: Für die Diagnose eines trockenen Rückfalls genügt schon das reine Zurückfallen in alte Verhaltensmuster.

Ist ein Patient tatsächlich rückfällig geworden, bringt er das nicht immer selbst ans Tageslicht. Wenn es keine Hinweise im Verhalten oder physischen Zustand gibt, ist es jedoch auch schwierig, einen Rückfall von außen zu bemerken. Deshalb führen wir zum Schutz des rückfälligen Patienten selbst und der Patienten in seinem Umfeld während des Aufenthalts in der Neuen Rhön regelmäßige feste und zufällige Kontrollen durch. Wird dabei ein Rückfall festgestellt, führen unsere Therapeuten ein Einzelgespräch mit dem betroffenen Patienten. Oftmals wird das Thema auch in der Therapiegruppe besprochen. Besonders wichtig ist uns nämlich eines: Rückfälle werden im Volksmund oft als letztendliches Scheitern der Therapie und Abstinenz verurteilt – zu Unrecht.

Rückfälle gehören zu einer Sucht dazu und jeder Rückfall kann positiv für die weitere Therapie genutzt werden. Viele Fachkliniken sehen das anders und beenden die Aufenthalte rückfälliger Patienten abrupt. Unser Ansatz: „Wir halten pauschale Entlassungen nach einem Rückfall nicht für sinnvoll", stellt unsere Therapeutin Kira Klüber klar. Wenn der Patient bereit dazu ist, die Situation reflektiert aufzuarbeiten und motiviert die Arbeit an sich selbst fortzusetzen, droht ihm diese disziplinarische Maßnahme also keinesfalls. Eine 14-tägigen Ausgangssperre schützt den Patienten allerdings in der kritischen Zeit direkt nach dem Rückfall vor weiteren Triggern oder Verlockungen. Die Bereitschaft zur Fortsetzung der Therapie nach Rückfällen hat allerdings auch klare Grenzen. Wird die Situation geleugnet oder die entsprechende Therapie verweigert, kann auch eine disziplinarische Entlassung erfolgen. Das hat gute Gründe: Wird ein Patient rückfällig, stellt das immer auch eine Herausforderung für seine Mitpatienten dar. 

Aufgrund dieser vielen Einflussfaktoren ist es uns für die Zeit nach der Therapie in der Neuen Rhön besonders wichtig, offen mit dem Thema Rückfall umzugehen. Zu diesem Zweck gibt es in unserer Fachklinik die Indikationsgruppe „Rückfall", an der jeder Patient gegen Ende der Therapie teilnimmt. Zu den Inhalten der Gruppengespräche gehören die richtigen Vorbeugungsmaßnahmen (dazu ein Beitrag auf unserem Blog vom 5. Mai), ein bewusster Umgang mit der Thematik im Allgemeinen und der angemessene Umgang mit einer tatsächlichen Rückfallsituation.

Wird in der Indikationsgruppe oder ganz allgemein offen über die Thematik „Rückfall" gesprochen, ist es deutlich einfacher, die Ernstsituation zu bewältigen – denn das setzt vor allem Offenheit und Ehrlichkeit voraus, zu der man sich erst einmal überwinden muss. Nur wenn ein rückfälliger Patient während der Therapie offen Hilfe bei Therapeuten und nach der Therapie bei seinen Vertrauenspersonen, einer Beratungsstelle oder einer Selbsthilfegruppe sucht, kann der Rückfall analysiert und strategisch bewältigt werden. Es klingt oft wie eine leere Floskel, aber gerade nach einem Rückfall gilt: Aus Fehlern kann man lernen. Oft wird bei der Aufarbeitung eines Rückfalles deutlich, was in der Risikosituation gefehlt hat, wie man neue Bewältigungsstrategien entwickeln kann und welche Handlungen man falsch eingeschätzt hat. In der Indikationsgruppe können diese wertvollen Erfahrungen außerdem an andere Patienten weitergegeben werden – denn so kann sich reflektiert jeder mit seinen eigenen Risiken auseinandersetzen.

Niemand wird mit einem Rückfall oder der Konfrontation mit Risikosituationen allein gelassen: Auch nach der Therapie bieten viele Fachkliniken und Beratungsstellen– so auch wir für Patienten aus der Region – eine Nachsorge in Form einer Gruppentherapie an. In der Regel streckt sich diese über den Zeitraum eines halben Jahres. Zusätzlich können Selbsthilfegruppen besucht werden. Nach einem Rückfall sind eine erneute Entgiftung und auch die erneute Beantragung einer stationären Therapie möglich.

Die Wahrnehmung und Beurteilung von Rückfällen ist von Vorurteilen geprägt. Das Ziel unserer Indikationsgruppe Rückfall ist es, diese Vorurteile zu überwinden. Rückfälle müssen als Teil der Sucht betrachtet werden und Patienten dürfen sich nicht als Versager empfinden, wenn sie rückfällig geworden sind. Im Fokus muss nämlich vor allem ein Denkanstoß stehen: Ein Rückfall ist isoliert auf eine bestimmte Situation, die aus verschiedenen Umständen und Einflüssen resultiert,  zurückzuführen – nicht etwa auf die Willensstärke oder das generelle Verhalten eines Patienten.




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