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Sep 26


Die Gesellschaft verändert sich: Wir werden Individualisten, wollen alle Freiheiten haben, die wir bekommen können und möglichst wenige Regulierungen. Wie wirkt sich das auf die gesellschaftliche Akzeptanz von Alkohol, Tabak und anderen Drogen aus? Und wie entwickeln sich die tatsächlichen Zahlen zu Suchterkrankten? Stefan Werner, der leitende Arzt unserer Fachklinik für Suchterkrankungen, hat in der letzten Woche einen Fachvortrag über „gesellschaftliche Änderungen und Sucht" gehalten. Seine Erkenntnisse geben Aufschluss.

Gesellschaftliche Veränderungen im Bereich der Suchtmittel und Suchterkrankungen äußern sich in vielen Faktoren. Beispiele gibt es auch wie Sand am Meer: Nichtraucher werden vor Rauchern geschützt, ein gesunder Ernährungs- und Lebensstil ohne Alkohol und Tabak ist wieder auf dem Vormarsch und auf Zigarettenpackungen prangen Bilder, die vor den Folgen des Konsums warnen. Die Aufklärung über die Auswirkungen von Drogen hat einen so hohen Stellenwert wie nie zuvor. Gleichzeitig ist es mit Mitteln wie etwa dem Darknet noch nie einfacher gewesen, Drogen zu beziehen, heiß wird über die Legalisierung von Cannabis diskutiert und auch die Sache mit den Zigarettenschachteln bleibt in großen Teilen der Gesellschaft nicht unwidersprochen. In welche Richtung beeinflussen die gesellschaftlichen Entwicklungen also die Entstehung und Verbreitung von Suchterkrankungen? Leben wir zunehmend gesünder und bewegen uns weg von übermäßigem Konsum oder gibt es immer mehr Suchterkrankte, weil auch übermäßiger Konsum ein gefährlicher Teil des Party-Lifestyles geworden ist?

Einer der offensichtlichsten Faktoren für die Einflüsse gesellschaftlicher Veränderungen auf das Konsumverhalten der Gesellschaft ist womöglich die leichte Zugänglichkeit von Alkohol, Tabak, chemischen Drogen und Medikamenten. Gerade gesellschaftlich akzeptierte und legal erwerbliche Drogen wie Alkohol und Tabak werden nahezu heroisiert, sind Teil einer vermeintlichen Kultur und eines bestimmten Lifestyles, der populär geworden ist – man denke beispielsweise nur an all die rauchenden und trinkenden Protagonisten beliebter Filme und Serien. Die Zahlen zu Suchterkrankungen lassen jedoch aufhorchen: Aktuell sind es immer noch die legal erwerblichen Drogen Alkohol und Tabak, die am häufigsten zu einem schädlichen Konsum oder sogar einer Abhängigkeit führen. Risiken lauern jedoch auch an anderen vermeintlich harmlosen Stellen, wie etwa bei der schnellen Schmerztablette bei ungelegenen Kopfschmerzen: Die Abhängigkeit von Schmerz-, Beruhigungs- oder Schlaftabletten ist ein häufig auftretendes Problem (dazu ein Beitrag auf unserem Blog vom 17. September).

Die sogenannte Sucht-Survey des Bundesministeriums für Gesundheit aus dem Jahr 2018 zeigt genaue Zahlen zu den Auswirkungen der gesellschaftlichen Änderungen auf die Sucht. Die Studie untersucht seit den 1980er Jahren regelmäßig den Drogenkonsum der Deutschen Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren – im Fokus stehen dabei jeweils aktuelle Trends und das Vorliegen eines schädlichen Gebrauchs oder einer Abhängigkeit von Drogen.

Im Vergleich zu 1995 ist der Konsum von Tabak, Alkohol sowie Beruhigungs- und Schlafmitteln insgesamt gesunken. Das war allerdings nicht immer so: Befragungen aus dem Jahr 2012 zeigten einen deutlichen Anstieg der Abhängigkeiten von Alkohol, Beruhigungs- und Schlafmitteln – erst seit 2018 gibt es eine ganz neue Tendenz: Der Trend zum Konsum dieser Drogen ist durchgehend rückläufig. Nichtsdestotrotz ist Alkohol auch heute noch die am meisten konsumierte Droge in der Bundesrepublik. Besorgnis zeigt sich jedoch auch und vor allem an anderer Stelle: Der Konsum von Schmerzmitteln, Cannabis und anderen illegalen Drogen ist seit den 90er Jahren angestiegen – das mag nicht zuletzt gesellschaftlichen Trends und einer Entwicklung der Jugendkultur geschuldet sein.

Heutzutage mag die Entwicklung längst nicht mehr als neu betrachtet werden, aber im Vergleich zu 1995 wird deutlich, was sich verändert hat: Gleichberechtigung in allen Bereichen des Alltags ist zweifellos positiv – sie geschieht aber auch an Stellen, an denen man sie zunächst nicht vermutet. Das sogenannte episodische Rauschtrinken, bei Männern konstant zu beobachten, steigt auch bei Frauen an. Der Absturz am ein oder anderen Wochenende wird fälschlicherweise als Teil eines Lifestyles betrachtet und spricht für eine vermeintlich erstrebenswerte Trinkfestigkeit. Verträgt man Alkohol jedoch gut, schützt das längst nicht vor dessen langfristigen Folgen. Die Trinkfestigkeit ist eine der am besten belegten und teilweise genetisch bedingten Risikofaktoren für die Entwicklung einer Alkoholkrankheit.

Das Fazit unseres leitenden Arztes Stefan Werner ist deutlich: Die Entwicklung unserer Gesellschaft geht mit riskanten Konsummustern einher. Dass vor allem legale Drogen wie Tabak, Alkohol und frei verkäufliche Schmerzmittel verharmlost und teilweise geradezu verherrlicht werden, sei „eine erhebliche Belastung für die Gesellschaft". Ob Trends wie eine gesunde Ernährung wohl eine Kehrtwende bedeuten, die die Zahlen der Suchsurvey 2018 zumindest für Alkohol, Tabak und Beruhigungs-  und Schlafmittel andeuten könnten?



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